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Bilder, die nachdenklich stimmen
Erschienen in der Frankenpost vom 08.10.2010
Von Pit Fiedler
Hof - Beinahe jede Generation nimmt die Chance wahr, Teile der Zeitgeschichte neu zu erzählen - zumal dann, wenn ein Umbruch faszinierende Perspektiven eröffnet hat. Die friedlichen Revolutionen der Jahre 1989/90 haben tatsächlich eine ganze Reihe von Tabubrüchen möglich gemacht. In den osteuropäischen Nachbarländern Polen und Tschechien werden zum Beispiel die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet. Beteiligt sind daran ebenso Wissenschaftler wie Privatleute. Das ist sehr beachtlich, denn vor noch nicht allzu langer Zeit war das Wort Vertreibung dort verpönt.
In Tschechien und Deutschland erforschen junge Leute auf dem Weg nach Europa mit Akribie und Hingabe die deutschsprachige Vergangenheit der Grenzregionen. Seitdem der ehemalige Ministerpräsident Tschechiens, Jirí Paroubek, eine Million Euro zur Verfügung stellte, damit die leidvolle Geschichte der deutschen Hitlergegner aufgearbeitet wird, wurden viele Publikationen, Ausstellungen, Rundfunkfeatures, Filme und vieles mehr vorgelegt. Allerdings erreichen sie nur selten in Übersetzungen das deutsche Publikum. Im tschechischen Schulunterricht füllen Mitarbeiter des "Paroubek"-Projekts eifrig die weißen Flecke im tschechischen Geschichtsbewusstsein. Fast hundert Schulen haben sie bereits besucht.
Dieser Impuls, sich nach dem Fall des Kommunismus und des Eisernen Vorhangs neugierig der jüngeren Vergangenheit zuzuwenden und sie vielleicht neu zu werten, ist auch an Deutschland nicht spurlos vorübergegangen. Eine Vielzahl unterschiedlichster, zumeist grenzüberschreitender Aktivitäten beweist dies.
Die zweisprachige Ausstellung "Die sudetendeutschen Sozialdemokraten - Von der DSAP zur Seliger-Gemeinde", die heute um 17 Uhr im Landratsamt Hof eröffnet wird, zählt zu den Höhepunkten der Besinnung auf zeitgeschichtliche Fragen. Die Seliger-Gemeinde München und das Carolinum Bohemicum in Ústí n.L. (Aussig) haben sie gemeinsam erarbeitet. Die Wanderausstellung, zu der ein Katalog erschienen ist, gibt mit vierzig großformatigen Schautafeln erstmals und von einem europäischen Standpunkt aus einen Überblick über die gesamte Geschichte der sudetendeutschen und tschechischen Sozialdemokraten. Sie beginnt bei den Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts und reicht bis zur Gegenwart. Dabei liefert sie erstaunliche und beispielhafte Einsichten in die konfliktreichen deutsch-tschechischen Beziehungen.
Mut und Verzweiflung
Die Ausstellung weist weit über die Sozialdemokraten hinaus. Exemplarisch stellt sie dar, wie heillos der nationalistische Geist war und wie schwierig die Überwindung des Nationalismus auf dem Weg zu einem geeinten Europa bis heute ist. Nachdrücklich kann der Besucher den Mut und die Verzweiflung der sudetendeutschen Sozialdemokraten im Widerstand gegen Hitlerdeutschland nachvollziehen. Die Männer und Frauen verteidigten den tschechischen Staat und wurden unter der Naziherrschaft systematisch verfolgt. Tausende von ihnen mussten ins Exil fliehen oder wurden im KZ ermordet. Wer geblieben war, wurde nach dem Krieg Opfer der Vertreibung oder zwangsweise ausgesiedelt, obwohl sie Hitlergegner waren. Wie wichtig es ist, dieses stolze Kapitel der Sozialdemokratie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, zeigen die bisweilen abstrusen Geschichtsbilder in öffentlichen Diskussionen.
Außerdem zeigt die Ausstellung, wie auch in schwierigen Zeiten Menschlichkeit leben kann. Die Partei der sudetendeutschen Sozialdemokraten, die Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP), existierte zwangsweise zwar ab 1939 nicht mehr, aber viele ihrer Mitglieder leisteten weiterhin beispielhaften Widerstand gegen einen übermächtigen und brutalen Gegner. Er zeigt einerseits, wie begrenzt er angesichts der totalen Überwachung war, und andererseits, wie man seine persönliche und politische Integrität vor den verschiedensten Zumutungen und Anfechtungen der Unfreiheit trotzdem schützen konnte. Zu lernen ist aber vor allem, dass man in jeder Situation, so schlimm sie auch sein mag, die Möglichkeit der Wahl hat.
Wieviel der Mensch unter solchen Umständen aushält, welchen Irrungen und Wirrungen er ausgeliefert ist, beschreiben die Zeitzeugenporträts in dem von Alena Wagnerová herausgegebenen Buch "Helden der Hoffnung. Die anderen Deutschen aus den Sudeten 1935 - 1989". Sie sind auch deshalb spannend zu lesen, weil sie die Widersprüche zwischen der erzählten Geschichte und der Geschichtsschreibung aufdecken. In Wirklichkeit war eben doch alles ganz anders.
Die Motive für die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte sind heute vielfältiger denn je. Bei Mitgliedern der Seliger-Gemeinde steht vielfach die Suche nach Spuren sudetendeutscher Sozialdemokraten im Vordergrund. Junge Leute haben, wie der Geschäftsführer der Bürgerinitiative Antikomplex, Ondrej Matejka, auf dem Sudetendeutschen Tag in Augsburg erläuterte, andere Interessen. Entscheidend sei für sie der persönliche Bezug zur Geschichte. Sie könnten beispielsweise beim Freilegen eines alten Grabsteines auf das Thema stoßen. Oder sie gründeten ein Museum, weil sie ihre Ortschaft beleben wollten.
Eine Bereicherung
Wer sich mit der Geschichte in den tschechischen Grenzregionen beschäftige, stoße wie von selbst auf das deutsche Erbe und nehme es als Bereicherung an, so Matejka. Und daraus könnten sich viele neue Begegnungen ergeben.
Zwei Bücher
Zu der Ausstellung ist im Verlag Eckhard Bodner ein Katalog erschienen. ISBN-Nr.: 978-3-937117-92-8. Er kostet 16 Euro. Als Lektüre zu empfehlen ist auch das von Alena Wagnerová im Aufbau-Verlag herausgegebene Buch "Helden der Hoffnung. Die anderen Deutschen aus den Sudeten 1935 - 1989".
Ein Stück Zeitgeschichte spielt in der Region
Erschienen in der Frankenpost vom 10.06.2010
Hof: Die sudetendeutschen Sozialdemokraten - von der DSAP zur Seliger-Gemeinde, so lautet der Titel einer Wanderausstellung, die am Dienstag im Beisein zahlreicher Besucher im Foyer des Landratsamtes eröffnet worden ist. Landrat Bernd Hering freute sich, dass diese zeitgeschichtliche Dokumentation nun auch in Hof gezeigt werden könne. Gerade deshalb, weil in früheren Zeiten das Hofer Land in engen Beziehungen zum Sudetenland stand - wirtschaftlich, kulturell und auch gesellschaftlich.
Diese engen Beziehungen drückten sich heute unter anderem dadurch aus, dass der Landkreis Hof als Rechtsnachfolger des ehemaligen Landkreises Rehau Patenlandkreis für den früheren Kreis Asch in Tschechien sei, erklärte der Landrat. Hering wies aber auch darauf hin, dass sich im Hofer Land nach dem Krieg besonders viele Flüchtlinge aus dem Sudetenland ansiedelten.
Ihre Geschichte ist demnach eng verwurzelt mit der Geschichte unserer Region.
Die Ausstellung sei ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Sie stelle aufrechte Kämpfer für Demokratie und gegen Faschismus in den Mittelpunkt und leiste einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung und gegen Nationalismus und Ignoranz.
Den Worten des Landrats zufolge kann vor allem die jüngere Generation mit dem Begriff Seliger-Gemeinde nichts anfangen. Sie sei die Nachfolgeorganisation der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in der ersten Tschechoslowakischen Republik von 1918 bis 1938 sowie der Treuegemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten im Exil (1939 bis 1951). Bekannt geworden sei sie durch Wenzel Jaksch und dem langjährigen Landesvorsitzenden der Bayerischen SPD, Volkmar Gabert. Seit 2005 ist der frühere Landtagsabgeordnete Albrecht Schläger aus Hohenberg an der Eger Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde.
Die Ausstellung zeige einen wichtigen Teil der Geschichte demokratischer Tradition in Deutschland. Sie soll dazu beitragen, dass sich die Kriege des vergangenen Jahrhunderts niemals wiederholen, schloss Hering. Danach referierte Landesvorsitzender Peter Heidler über die Höhen und Tiefen der Organisation und gab einen historischen Rückblick über die Entstehung der Partei bis heute.
In einem Artikel vom Dienstag in der Frankenpost schreibt Autor Pit Fiedler, alias Georg Schatz, unter anderem: Die Ausstellung weist weit über die Sozialdemokraten hinaus. Exemplarisch stellt sie dar, wie heillos der nationalistische Geist war und wie schwierig die Überwindung des Nationalsozialismus auf dem Weg zu einem geeinten Europa bis heute ist. Schatz war es denn auch, der die Gäste durch die Ausstellung führte und ihnen anhand der 40 Schautafeln die einzelnen Epochen erklärte. Geöffnet ist die Schau bis Freitag, 25. Juni, während der üblichen Amtszeiten. Gert Brendel
Georg Schatz (schwarzes Jackett) erklärte den Besuchern beim Rundgang durch die Ausstellung den Inhalt der Schautafeln. Foto: -gb





